Mehr Sicherheit im OP-Saal – dank künstlicher Intelligenz

Interview mit Michael S. Woods, MD, MMM, Chief Medical Officer bei Caresyntax

Chirurg und Gesundheitsmanager Michael S. Woods, MD, MMM, ist Chief Medical Officer bei Caresyntax. Die vollintegrierte digitale Chirurgie-Plattform des 2013 in Berlin gegründeten Technologie-Unternehmens verwandelt klinische und andere Daten aus diversen Quellen und Systemen in Echtzeit in strukturierte Informationen und ermöglicht den Zugriff auf diese direkt im OP. Durch ihre Kooperation wollen der Versicherer und Risikomanager Sham und Caresyntax die Sicherheit im OP für Patienten und Personal erhöhen.

Dr. Woods, können Sie einführend die Ziele der Digitalisierung des Operationssaals beschreiben?

In jedem Operationssaal entstehen wertvolle, aber oft ungenutzte Daten. Und zwar im ganzen Prozess der chirurgischen Versorgung, in allen ihren Teilbereichen einschließlich der unterstützenden Abteilungen: Bildgebung und Diagnostik, Labor, OP-Management, prä- und postoperative Versorgung, ZSVA, Materialmanagement, IT und viele weitere Bereiche. Das Ziel der Digitalisierung ist es, die Gesamtheit dieser Daten für eine optimale Versorgungsqualität zu nutzen.

Michael S. Woods, MD, MMM, Chief Medical Officer bei Caresyntax

Worin sehen Sie die wichtigsten Vorteile der Digitalisierung des Operationssaals?

Der wichtigste Gewinn durch die fortschreitende Digitalisierung ist die verbesserte Leistung bestehender OP-Technologien, außerdem die bessere Koordination der Abläufe, die erhöhte Effizienz sowie letztendlich die erhöhte Patientensicherheit. Organisationen, die eine digitale Chirurgie-Plattform eingeführt haben, erleben erhebliche Fortschritte in puncto Effizienz, Qualität und Risikomanagement. Eine solche Plattform kann zudem die sicherere Einführung eines neuen Verfahrens unterstützen oder aufzeigen, welche Faktoren das Operationsergebnis in welcher Weise beeinflussen.

Warum halten Sie es für so wichtig auf standardisierte Prozesse zu setzen?

„Wir machen es jedes Mal wie gehabt!“ Als junger Chirurg bekam ich dieses Motto jeden Tag zu hören, bis ich es verinnerlicht hatte. So hat mein Ausbilder mir beigebracht, dass eine hohe und zwar zuverlässig hohe chirurgische Leistung viel auch mit Erfahrung und Routine zu tun hat. Und nicht nur mir als seinem Assistenten. Er meinte wörtlich jeden, der für das Gelingen des Eingriffs eine Rolle spielte. Alle hatten sich an ihren Protokollen zu halten und Abweichungen zu begründen sowie akribisch zu dokumentieren.

Weil natürlich jeder Fall und deshalb auch jeder Eingriff anders ist, sind Abweichungen fast die Regel. Wichtig aber ist, dass sie dennoch als solche verstanden werden, und nicht umgekehrt. Die Digitalisierung insbesondere von Dokumentationsprozessen unterstützt das Setzen und Einhalten von Standards und erleichtert gleichzeitig das Festhalten von Abweichungen. Sie erlaubt die Generierung strukturierter Datensätze sowie den Zugriff auf diese quasi nebenbei, alles wird vor Ort und in Echtzeit an zentraler Stelle dokumentiert. Das erhöht nicht nur die Effizienz, sondern auch die Sicherheit. Bessere Daten, bessere Entscheidungen, bessere Ergebnisse.

Wo muss man ansetzen, um eine Fehlervermeidungskultur zu etablieren?

Meiner Ansicht nach gibt es im Krankenhaus keinen Aufgabenbereich, der wichtiger wäre als ein anderer, um die Zuverlässigkeit eines so komplexen und gleichzeitig dynamischen Vorgangs wie eines chirurgischen Eingriffs insgesamt zu gewährleisten. Die technischen Fähigkeiten und selbstverständlich die klinische Erfahrung des Chirurgen, seine interpersonellen Fähigkeiten, die Fähigkeiten und die Erfahrung eines gut eingespielten Teams – alles ist gleichermaßen wichtig. Im OP ist es dementsprechend selten ein einziger Faktor, der zu einem unerwünschten Ereignis führt. Aus diesem Grund beruht etwa die digitale Chirurgie-Plattform von Caresyntax auf einem soziotechnischen Modell: Wir nutzen das Wissen über die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen technischen und sozialen Systemen.

Haben Sie es bei der Einführung digitaler Chirurgie-Plattformen auch mit Hürden zu tun?

Nicht mit vielen. Eine aber ist die gelegentliche Skepsis von Chirurgen gegenüber der Videoaufzeichnung von Eingriffen. Hier ist meiner Meinung nach ein Umdenken gefragt: Natürlich kann ein Video herangezogen werden, wenn es im Falle einer Komplikation darum geht, bestimmte Fragen zu klären. Ein Video kann aber auch beweisen, dass keine Fehler gemacht wurden, sondern dass es beispielsweise zu einer Gerätefehlfunktion kam. Dabei ist unumstritten, dass das Studium von Videoaufzeichnungen die chirurgische Leistung verbessern kann.

Natürlich sind Qualitäts-, Sicherheits- oder betriebliche Schwierigkeiten im OP mit der Einführung einer neuen Technologie nicht auf einen Schlag gelöst. Eine digitale Chirurgie-Plattform kann die Ergebnisqualität verbessern – aber auch behindern. Jede Neuerung muss mit bewährten Prozessen in Einklang gebracht werden, bevor sie erfolgreich sein kann.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Wir arbeiten zum Beispiel an der Verbesserung des Trainings für Chirurgen mithilfe virtueller Technologien, also in einer computergestützt simulierten Umgebung. Außerdem an der Qualitätssicherung, zum Beispiel durch Marker für unerwünschte Ereignisse und deren automatische Erkennung, was ein sofortiges Eingreifen ermöglichen würde, sowie der Reduktion des Infektionsrisikos am Operationssitus. Bei anderen Projekten steht die Automatisierung des Workflows im Fokus, und zwar durch die Integration von Algorithmen zur Erkennung sich wiederholender Phasen in unsere Software. Damit ließe sich beispielsweise der Aufruf des nächsten Patienten automatisieren oder die Wartungsabteilung informieren, dass der Raum in 30 Minuten gereinigt werden muss. Zudem bieten wir Unternehmen eine umfassende Organisationsberatung, sodass sie durch klare, standardisierte Prozesse besser in der Lage sind, die Vorteile der Technologie für qualitativ hochwertig, zuverlässige Operationsergebnisse zu nutzen.

Wie sehen Sie die Rolle des Versicherers beim Einsatz dieser Art von Innovation?

Versicherer, die den Ansatz von Caresyntax unterstützen, sehen erstens, dass ein gutes Risikomanagement Effizienz, Qualität und Sicherheit fördert. Zweitens sehen sie die Notwendigkeit von Innovationen, insbesondere im Risikomanagement. In Zukunft können sie wesentlich intelligentere, weil spezifischere Abschlusspraktiken entwickeln, die dem Chirurgen, seiner Organisation und dem Versicherer zugutekommen: Wenn ein Versicherer das Risikospektrum kennt und versteht, kann er seinen Versicherungsnehmer unterstützen oder anleiten, Daten zu nutzen, um die Anzahl (vermeidbarer) unerwünschter Ereignisse zu verringern.