„Der Patient war bisher eher Objekt als Subjekt“

„Der Patient war bisher eher Objekt als Subjekt“

10. ÖSTERREICHISCHER GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS fordert „Medizin vom Kopf auf die Füße“ zu stellen

„Patienten erwarten heutzutage klare Leistungsversprechen, um sich selbst ein Urteil bilden zu können“, sagte der Präsident des 10. ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESSES, Professor Heinz Lohmann, zur Eröffnung der Jubiläumsveranstaltung in Wien. Hintergrund sei der einfachere Zugang zu Informationen, insbesondere aus dem Internet. Bisher sei den Patienten im Gesundheitssystem keine aktive Rolle zugedacht. Prof. Lohmann wörtlich: „Der Patient war in der Vergangenheit eher Objekt als Subjekt“. Zur Befriedigung der Patientenwünsche sei eine durchgängige Planung und präzise Strukturierung der Behandlungsabläufe unabdingbar. Deswegen müsse die Medizin jetzt „vom Kopf auf die Füße gestellt“ werden. Es gehe um die Etablierung digitaler Workflows. Um diese moderne Technologie einsetzen zu können, sei, so Prof. Lohmann, die exakte Planung der Prozesse in einzelnen Arbeitsschritten erforderlich. Dazu müssten Ärzte und Pflegekräfte gemeinsam mit den kaufmännischen Managern an dieser herausfordernden Aufgabe arbeiten. Prof. Lohmann dazu abschließend: „Silodenken führt in die Bedeutungslosigkeit, und zwar schneller, als es viele Akteure immer noch für möglich halten“.

Der 10. ÖSTERREICHISCHE GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS ist mit der Rekordbeteiligung von weit über 450 Teilnehmern zu Ende gegangen. In 14 Einzelveranstaltungen hatten zuvor mehr als 85 Referenten und Moderatoren alle aktuellen Herausforderungen der Gesundheitsbranche diskutiert. „Das Ziel der Agendaplanung ist die Mischung aus Debatten zu visionären Themen und Berichten zu konkreten Projekten“, fasste Ines Kehrein, die Geschäftsführerin des Veranstalters agentur gesundheitswirtschaft in Wien das Erfolgsrezept des Kongresses zusammen.

Hier die Eröffnungsrede des Präsidenten des 10. ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESSES, Professor Heinz Lohmann, im Wortlaut:

Grußwort des Präsidenten des 10. ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESSES, Prof. Heinz Lohmann, zur Eröffnung am 14. März 2018

Meine sehr geehrten Damen und Herren, einweisen, zuweisen, überweisen – dem Patienten war bisher im Gesundheitssystem keine wirklich aktive Rolle zugedacht. Er war eher Objekt als Subjekt. Die Experten hatten das Sagen. Zu groß war die Wissensasymmetrie. Diese tradierte Situation verändert sich jetzt ganz allmählich. Hintergrund ist der einfachere Zugang zu Informationen. Das ist aber erst der Anfang: Digitale Workflows auf der Basis strukturierter Prozesse, Big Data und Internetmedizin sind längst keine Science Fiction mehr. Die Veränderungen sind nicht aufzuhalten, aber sie bedürfen der gezielten Gestaltung vor einem intensiven fachlichen und gesellschaftlichen Diskurs. Der Blick auf den Patienten und seine Interessen ist dabei genau die richtige Perspektive. Patienten interessieren sich vorrangig für Inhalte und Ergebnisse der Therapien. Sie erwarten klare Leistungsversprechen, um sich selbst ein Urteil bilden zu können. Die Befriedigung dieses Wunsches scheitert aber allzu häufig an antiquierten Behandlungsabläufen. Sie sind in aller Regel nicht durchgängig geplant und präzise strukturiert, sondern stark abhängig von dem zum Einsatz kommenden Personal und dessen Fähigkeiten, sowie von den jeweils zur Verfügung stehenden Sachmitteln und Geräten. Deshalb muss die Medizin jetzt „vom Kopf auf die Füße gestellt werden“. Das ist genau der richtige Zeitpunkt für die Manager und Unternehmer der Gesundheitswirtschaft, zu einem intensiven Gedankenaustausch zusammenzukommen. Die Beteiligung an diesem Jubiläumsgipfel der Branche mit deutlich mehr als 450 Teilnehmern zeigt, dass sie, meine Damen und Herren, das genauso sehen.

Ich möchte Sie deshalb sehr herzlich zum 10. ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS heute hier in Wien begrüßen. Besonders begrüßen möchte ich in diesem Jahr unseren Ehrengast, Dr. Wilhelm Marhold, ehemaliger Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes, ohne den es diese Veranstaltung gar nicht geben würde. Er war es nämlich, der den entscheidenden Anstoß zum 1. ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS gegeben hat. Gleich begeistert war auch Dr. Martin Gleitsmann, der Abteilungsleiter für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich und spätere Initiator der Plattform Gesundheitswirtschaft. Die Wirtschaftskammer hat die Idee, Gesundheit und Wirtschaft zusammenzudenken, von Anfang an geteilt. Ich freue mich sehr, dass Dr. Gleitsmann gleich ein Grußwort zu uns sprechen wird. Vor ihm wird der Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger, Dr. Alexander Biach, uns begrüßen. Auch dafür und für die jahrelange Begleitung durch den Hauptverband meinen ausdrücklichen Dank. Eröffnet wird der Reigen der Grußworte durch Mag. Richard Gauss. Er vertritt die leider verhinderte Gesundheitsstadträtin von Wien Sandra Frauenberger.

Meine Damen und Herren, „Hauptsache, die Kasse stimmt“, reicht in Zukunft nicht mehr. Das zeigt ganz deutlich die gerade jetzt wieder aufkeimende Auseinandersetzung zwischen Ökonomie und Medizin. Viele kaufmännisch ausgebildete Krankenhausmanager haben sich in der Vergangenheit fast ausschließlich mit den nichtmedizinischen Aufgaben der Kliniken befasst. Die unbestritten notwendige Professionalisierung der Administration und Technik hat große Teile der Arbeitskraft absorbiert. Das reicht aber nicht mehr aus. Jetzt ist die durchgehende Strukturierung der Behandlungsprozesse unabdingbar, um digitale Technologien nutzen zu können. Dazu ist es erforderlich, dass die Ärzte und Krankenpflegekräfte gemeinsam mit den kaufmännischen Managern an dieser herausfordernden Aufgabe arbeiten. Silodenken führt in die Bedeutungslosigkeit, und zwar schneller, als es viele Akteure immer noch für möglich halten. Die Krankenhausmanager können verlorengegangene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, wenn sie sich aktiv an der Diskussion um die Ethik in der Gesundheitswirtschaft beteiligen. Gemeinsam Verantwortung für eine gute Medizin zu bezahlbaren Preisen zu übernehmen, ist eine geeignete Strategie, den Wandel erfolgreich zu gestalten. Das gilt in besonderer Weise für die pflegerischen Leistungen, die bei der Bewertung der Behandlungs- und Versorgungsqualität durch die Patienten immer bedeutsamer werden. Die notwendigen Veränderungen machen insbesondere auch wegen der bereits eingetretenen Belastung der beruflich Pflegenden den Übergang vom „schneller“ zum „anders“ arbeiten unerlässlich. Nur innovative Prozesse machen es künftig möglich, die weniger werdenden gut ausgebildeten Pflegekräfte auch tatsächlich bei der Betreuung der Patienten einzusetzen. Der Schlüssel liegt in einem wirksamen Workflowmanagement auf der Basis strukturierter Behandlungsprozesse. Pflege 4.0 steht deshalb ganz oben auf der Tagesordnung dieser Veranstaltung.

Ansonsten greifen wir auf unserem Jubiläumskongress alle Themen auf, die in der aktuellen Diskussion eine wichtige Rolle spielen. Die Agenda mischt Visionen mit ganz konkreten Herausforderungen des täglichen beruflichen Erlebens. Das ist aus meiner Sicht das Erfolgsrezept des ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITS-WIRTSCHAFTSKONGRESSES.

Ich persönlich freue mich, dass auch in diesem Jahr der „HEALTH Research Award“ an hervorragende Absolventen der österreichischen Fachhochschulgänge des Fachbereichs Gesundheit vergeben wird. Schlaue Manager schauen sich die Talente unmittelbar im Anschluss an die große Eröffnungsdiskussion nachher gleich mal an. Bleiben sie einfach sitzen und schon haben sie „die Nase vorn“ bei der Auswahl ihrer künftigen Führungskräfte.

Spannende Foren, exzellente Referenten und intensive Gespräche erwarten sie auf dem diesjährigen ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS. Die vielen Kooperationspartner machen deutlich, dass die neuen Ideen große Chancen haben, nach dem Kongress auch in der Realität anzukommen und Wirksamkeit zu erlangen. Diese Kooperationspartner und unsere Sponsoren und Aussteller sind für das Gelingen der Veranstaltung unerlässlich. Deshalb gilt ihnen mein besonderer Dank.

Ich wünsche uns allen einen erkenntnisreichen Tag mit vielen inspirierenden Begegnungen.

Der 10. ÖSTERREICHISCHE GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS ist eröffnet.

 

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